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  • Workshop in der Projektgruppe im Berufsschulzentrum HLA Flensburg
  • Raumanforderungen in der Frühphase des Prozesses
  • Die Baugruppe stellt zeichnerisch ihre Vorstellungen eines 5er-Clusters vor - z.B. Übergänge zwischen Marktplatz und Lernräumen ohne Türen (L-Lösung)
  • ...Von der Entwurfszeichnung für die neue Klassenraumkonzeption einer Grundschule (zum nächsten Bild), Ketteler-Frank-Schule, Bad Homburg
  • .....Hin zum Modell: Lehrkräfte haben für ihre Grundschule ein Klassenraummodell mit Möblierungsvorschlägen gebaut, auf zwei Ebenen (Höhe des Bestandsbaus 3,80m) und weitgehendem Verzicht auf klassisches Schulraummobiliar - Ketteler-Francke-Schule, Bad Homburg
  • Vorstellung des Ergebnisberichts der Phase Null für die IGS Süd im Architekturmuseum Frankfurt
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Prozessbegleitung

Der Anpassung- und Veränderungsdruck von Schulen ist in den letzten 15 Jahren enorm angestiegen. Neue Herausforderungen wie Ganztagsbeschulung, Inklusion, Digitalisierung, Verdichtung in den Städten sowie "Landflucht" in den Regionen führen dazu, dass Schule neu gedacht werden muss.

Die Pädagogik von damals passt nicht mehr zu den Anforderungen von heute. Jede Schule wiederum hat jeweils eigene Herausforderungen - wie z.B. die Beschulung unterschiedlichster Migrantenkinder oder/und Inklusionskinder. Somit stehen die Schulen trotz ähnlicher kultusministerieller Vorgaben vor höchst unterschiedlichen Herausforderungen, wie sie in Zukunft mit den jeweiligen Bedingungen und Anforderungen umgehen möchten.

Andererseits führen Veränderungsprozesse zu vielerlei Ängsten - sowohl kollektiv als auch individuell. Diese Ängste und Widerstände sind ein wichtiger Bestandteil eines Schulbauberatungprozsses. In diesem Zusammenhang sind die Moderatoren als Prozessbegleiter gefordert, die diese schwierigste und sensibelste Phase steuern. Denn hier geht es darum, den Ängste der Kolleginnen und Kollegen einen Raum zu geben, diese mitzunehmen auf einen konstruktiven Weg in eine geänderte Denkrichtung.

Als Mediator und pädagogischer Schulbauberater habe ich sehr viele Schulen in diesem Prozess begleitet. Es wurde immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, wie von der Montagsstiftung vorgegeben, eine Phase Null grundsätzlich mit einem erfahrenen Moderatorenteam von  pädagogischem Schulbauberater und Schulbau-Architekt mit Mediations- und Prozessberatungskompetenzen zu verpflichten.

 

Innovativer Schulbau - Treiber und Hindernisse

Seit mehr als 100 Jahren war die Grundvorstellung beim Schulbau im Prinzip gleich. Eine Schule benötigt eine Anzahl von Klassenräumen, entsprechend der erwarteten zu beschulenden Schülerzahl, dazu kommen noch Fachräume für besondere Unterrichtsfächer, Sanitäranlagen und natürlich Fluchtwege, die auf den draußen liegenden Schulhof führen. Die Beschulung erfolgte in einem Halbtagssystem, zumeist gingen die Kinder spätestens um 13.00 – 13.30 Uhr nach Hause. Als einzige Variable hat sich bei diesem Konzept die Schülerzahl pro Klasse entwickelt – während früher Klassenstärken von 32 oder oft auch mehr die Regel waren, haben sich in den letzten Jahren (je nach Haushaltslage des jeweiligen Bundeslandes bzw. auch je nach Schulform) Klassenstärken von z.T. deutlich unter 30 herausgebildet. Die Anordnung dieser Klassen erfolgte entlang von Fluren, z.T. einseitig oder auch beidseitig, weshalb man bei dieser Art Schulen auch von sog. ‚Flurschulen‘ spricht. Diese Flure müssen aus Brandschutzgründen frei von jeglicher pädagogischer Nutzung bleiben.

Spätestens seit dem PISA-Schock und dem Ende des wiedervereinigungsbedingten Investitionsstaus findet hier allerdings ein Umdenken statt, das von einer Reihe von ‚Treibern‘ verursacht wird, denen allerdings veritable 'Hindernisse' entgegen stehen. Auf beide Aspekte muss sich die Prozessbegleitung immer wieder einstellen:

 

Die 5 Treiber

  1. Ganztagsbeschulung: Spätestens seit der Jahrtausendwende entwickelt sich eine rasant wachsende Nachfrage nach einer ganztägigen Beschulung und/oder Betreuung. Diese Tendenz macht die Einrichtungen von Mensen notwendig und führt häufig zu einer geänderten Rhythmisierung der Unterrichtsstruktur mit längeren Pausen um die Mittagszeit und eine Abkehr von den 45minütigen Einzelstunden.
  2. Heterogenität der Lerngruppen: Die mit der Dreigliedrigkeit des Schulsystems verbundene Grundannahme einer (leistungs-)homogenen Klasse erweist sich vielerorts als nicht mehr tragfähig, es etablieren sich leistungsheterogene Beschulungsformen (Sekundarschulen, Stadtteilschulen, Gemeinschaftsschulen, Gesamtschulen etc.) oder in den Regelformen der Real- und Hauptschulen wird der Erwerb von verschiedenen Schulabschlüssen in einer Klasse/einem Jahrgang ermöglicht. Zudem nimmt der Zulauf zur Schulform ‚Gymnasium‘ deutlich zu, wobei deren Schülerschaft häufig leistungsheterogener wird und damit zugleich gerade in ländlichen Gebieten die Existenz der anderen Schulformen gefährdet wird.
  3. Vom Unterricht zum Lernen: Parallel erfolgt in der Pädagogik ein Umdenken weg vom Leitbild des belehrenden, häufig auch lehrerzentrierten Unterrichts zu einem auf die eigene Aktivität orientierten Lernprozess der Schüler, der individualisiert und eigenverantwortlich ablaufen kann und den die Lehrkraft unterstützt. Die belehrende Lehrkraft wird zum lernunterstützenden Lernbegleiter.
  4. Digitalisierung: Der Einsatz digitaler Unterstützung in den Lernprozessen bei der Informationsrecherche, bei der Erklärung und Demonstration von Vorgängen, beim Training von Skills oder wiederkehrender Anwendung und bei der (auch ungleichzeitigen!) Überprüfung des Leistungsstandes ermöglicht eine bisher nicht gekannte Individualisierung des Lernens.
  5. Inklusion: Bundesweit zwar noch zögerlich, aber tendenziell ebenfalls zunehmend ist die gemeinsame Beschulung von Kindern mit verschiedenen Handicaps/sonderpädagogischem Förderbedarf in den Regelschulformen. Auch dadurch wird die Heterogenität in den Klassen und Schulen weiter zunehmen.

 

Die 5 Hindernisse

1. Zeitdruck: Die Bereitstellung zusätzlicher Räume oder gar ganzer Schulen sowie die Abwicklung des Sanierungsstaus müssen sehr schnell erfolgen, da in vielen Fällen (insbesondere in Metropolregionen) die Kinderzahl rasant steigt. (Hamburg z.B. hat zu Beginn des Schuljahres 19/20 ca. 15.000 Kinder in die ersten Klassen eingeschult, während es zum selben Zeitpunkt an 1Jährigen bereits 21.000 Kinder gibt – für die Differenz müssen in 6 Jahren entsprechende zusätzliche Grundschulklassen vorgehalten werden. Infolge dieses Zeitdrucks greift man allzu leicht auf ‚bekannte‘ (Schulbau)lösungen zurück oder reagiert mit standardisierten Bauten in Modulbauweise.
2. Unkenntnis und Resignation: Schulleitungen und Lehrkräfte kennen häufig keine baulichen und pädagogischen Alternativen zum vorherrschenden Bestandsbau in Form von Flurschulen und Klassenraumprinzip – man ist mit kleinen Veränderungen, Anbauten oder kosmetischen Operationen häufig schon zufrieden. Die grundsätzliche Strukturfrage der Lernorganisation, auch in Folge der Digitalisierung, wird vielerorts noch ausgeblendet.
3. Personalmangel bei den Schulträgern: In den Jahren seit 1989 sind viele Fachämter in den Behörden aus Spargründen personell ausgeblutet (worden), heute ist es schwierig, qualifizierte und vor allen Dingen schulbauerfahrene Fachleute zu akquirieren. Zudem neigen Ämter und deren Verantwortliche tw. eher dazu, eigene Schulerfahrungen zu reproduzieren als eine Neukonzeption von Schulen zu wagen (es gibt aber zum Glück hier auch sehr positive Ausnahmen, bei denen die Ämter deutlich weiter sind, als die Schulen selbst!)
4. Spardruck: Auf Grund der jahrelangen Investitionsverschleppung im Schulbau besteht ein ungeheurer Spardruck bei gleichzeitig boombedingter Baupreisexplosion.  
5. Strukturkonservativismus: Es erscheint im politischen Diskurs häufig nicht als opportun, gesellschaftspolitische Veränderungen (schulstrukturelle Fragen, Inklusion, echte Ganztagssysteme) zu thematisieren oder demographische Entwicklungen (Migration und ihre schulische Bewältigung) positiv und produktiv steuern zu wollen – dies fördert einen nicht lösungsorientierten Strukturkonservativismus, die fruchtlosen schulpolitischen Debatten der letzten 40 Jahre sind ein beredtes Beispiel dafür.

Die Phase Null in der Schulbauberatung - das Format zur Lösung der Lage

Angesichts dieser Lage kam die Idee der namhaften 'Montag Stiftungen', ein zusätzliches und neues Format der Planung bei Schulbauprojekten durchsetzen, genau zum richtigen Zeitpunkt: Die Phase Null - begrifflich angelehnt an die Leistungsphasen 1-9 der Honorarordnung der Architekten - steht für den inhaltlichen und schulentwicklerischen Vorlauf, der benötigt wird, um die Schule entsprechend der Vorstellungen der späteren Nutzer zu planen und zugleich eine Abstimmung der schulischen, städtebaulichen und finanziellen Rahmenbedingungen  zu erreichen. Dazu wird in der Regel ein fachlich hochkompetentes Beraterteam aus einem(r) Architekten(in) und Pädagogen(in) gebildet, das diese Abstimmungsprozesse moderiert und leitet und schließlich in einem Abschlussbericht die Grundlage für die Planungen der zu beauftragenden Architekturbüros erstellt. Das Beraterteam erarbeitet zusammen mit einer kontinuierlichen Arbeitsgruppe aus der Schulleitung, aus dem Lehrerkollegium sowie Vertretern der Eltern- und Schülerschaft in mehreren Workshops die Vorstellungen der Nutzer.

Dies muss vor allen Dingen weit im Vorfeld der konkreten Schulbauplanung erfolgen, denn gerade beim Schulbau gilt: „Wenn der Betonlasterfahrer den Knopf zum Abladen gedrückt hat, muss man mit dem Ergebnis mindestens für die nächsten 50 Jahre leben."